Winterodysee

-  Exoten im Schlittenhunde-Rennsport

-  Hochgebirgstouren auf 4 Pfoten

Zeitschrift HUNDE vom 8. Januar 1999


Appizäller "SLED DOG"

Die Exoten: Das "Appizäller Gespann" von Thomas Flückiger am Schlittenhunderennen. Im Trainingscamp herrscht Hektik, sie wollen rennen, ihrem Bewegungsdrang entsprechend. Ein Gespann allerdings wartet gelassen auf den Start. Inmitten der nordischen Hunde sind sie Exoten. Es ist das reinrassige Appenzeller Gespann von Thomas Flückiger.


Das andere Schlittengespann

Im Trainig herrscht Hektik, Musher holen ihre Hunde vom Stake out, dem Platz, an dem Husky und Co. zwischen den Rennen angekettet sind. Die Hunde heulen, wollen rennen, ihrem Bewegungsdrang entsprechend. Ein Gespann allerdings wartet gelassen auf den Start. Hier, inmitten der nordischen Hunde, sind sie Exoten. Es ist das reinrassige Appenzeller Gespann von Züchter und Musher Thomas Flückiger.

S
icher ein etwas ungwohntes Bild, wenn das Gespann der vier Appenzeller Sennenhunde mit ihrem Musher auf dem gefrorenen Sivaplanersee über den Trail fegt, wie letztes Jahr im Februar an der Schweizer Meisterschaft.

Der Anfang ein Zufall
A
ls Thomas Flückiger, der renommierte Appenzeller-Sennenhunde-Züchter, gefragt wurde, wie er darauf kam, seine "Appenzeller" vor den Schlitten zu spannen, erzählte er lachend: "Meine SKG-Zuchtstätte >von Appizäller Schür, Inkwil> ist für mich mehr als Hobby - es ist die Erfüllung. Seit über 10 Jahren bin ich aktiv voll dabei in der Schweizer Musherszene mit meinen Exoten. Also auf die Frage zurückkommend, war das so: An einem Training des Schweizer Musher-Verbandes verletzte sich ein Leithund und konnte nicht mehr eingesetzt werden. Ich als Zuschauer bot dem Musher an, meinen zugerprobten >Tasso<. sein Gespann führen zu lassen. Die Umstehenden lachten, sie dachten, es sei ein Witz."

Der Musher-Kollege überlegte und wagte den Versuch. Allerdings musste Flückiger ihm noch eine kurze "Gebrauchsanweisung" mit geben, denn das Handling seines Appenzellers unterscheidet sich ganz wesentlich von dem der nordischen Schlittenhunde. Die nordischen Schlittenhunde führt der Musher herkömmlich mit Zurufen wie "go" für losrennen, "dschi" für rechts, "howh" für links und "whoa" ür den Versuch zum Anhalten. wobei natürlich ein "Appizäller" als ausgebildeter Treibhund auch auf Sichtzeichen reagiert und beim Kommando "Stop" auch aus der Sprint augenblicklich anhält und sich setzt.

Aus Spass am Schlittenhundesport
Aber eben, dies wurde "Tasso" zum Verhängnis, denn die Schlittenhunde spurteten weiter und überrollten den guterzogenen "Tasso". Trotzdem, auch das spielt sich rasch ein. Abschliessend meint Flückiger: "Bei meinem Gespann reinrassiger Appenzellerhunde handelt es sich selbstverständlich nicht um das Siegerteam, wir sind halt die Exoten bei den Rennen, obwohl wir auch im Sprint bei den reinrassigen Schlittenhunden recht munter mitmischen können. Mit unserer Schweizer Sennen- und Bauernhunderasse liegen wir weit abseits der Norm der echten Schlittenhunde wie Siberien, Husky, Alaskan Malamute, Grönlandhund und Samojede, die ja alle auch in der SKG unter >Nordische Hunde<. zusammengeschlossen sind."

Der Schlitten war sehr wahrscheinlich das erste Zugfahrzeug des Menschen. Schon in der Vorzeit zogen sicherlich Hunde den Schlitten. Viele Hunderassen werden auch als Zughunde verwendet. Noch in diesem Jahrhundert zogen Sennenhunde Wägelchen mit Milchkannen zur Sennerei, oder wie der Boxer damals in München das Bier von Haus zu Haus.
Die meisten dieser Zughunde brauchen körperliche Betätigung für ein artgerechtes Leben. Es ist falsch anzunehmen, das "Desire to go", der genetisch eingebauter Wille zu ziehen und zu rennen, existiere nur bei guten Schlittenhunden.

Im Gegensatz zu Huskies verhalten sich die Appenzeller Sennenhunde beim Einspannen ruhig.

Ein starkes Team
Letztes Jahr starb Flückigers Leithund mit 12 Jahren im freien Auslauf, gesund und rennbegeistert bis zum Schluss. Sein Gespann für die Rennsaison 1999 hat er wie folgt zusammengestellt: Vorne links: "Thuna-Mattia von Appizäller Schür Inkwil" (havannabraun), geb. 10.8.86, Gewicht 21 kg, mit vielen Ausstellungserfolgen; vorne rechts: "Thera-Mara von Appizäller Schür Inkwil", geb. 20.8.96, Gewicht 21,5 kg, auch sie mit etlichen Ausstellungerfolgen; hinten links: Der Vater der beiden Leithunde "Carlo-Dollar" v. Bärgfrüehlig, geb. 20.3.93, Gewicht, 30 kg, Kosename "Traktor"; hinten rechts: "Sinta-Tina v. Appizäller Schür Inkwil", geb. 12.2.96, Gewicht 23,5 kg, sie wird auch als Reserveleithund links und rechts eingesetzt. Weitere Reservehunde sind "Tina" und "Ulla" sowie die Youngsters "Vianco" und "Vanella".

In der Rennpause spielen und im Schnee tollen hält das Team "von Appizäller Schür Inkwil" in Schwung.

Erstaunlich Vielseitig
Eines noch zeichnet die Schlitten-Rennhunde "Appizäller Schür Inkwil" besonders aus: Sie sind nicht nur spurtschnelle Athleten, sondern auch erfolgreiche Ausstellungshunde. Auch mitten in der Rennsaison besucht Flückiger mit seinen Zuchthunden Ausstellungen. Als Mitglied der SKG Langenthal und anderer Vereine hat er sie auch als Treib- und zum Teil als Begleit- und Fährtenhunde ausgebildet. In den Rennen 1999 werden sie in der 4-Hunde-Klasse im Sprint eingesetzt. Flückiger könnte auch - so, wie er regelmässig trainiert - in der 6-Hunde- oder 8-Hunde-Klasse starten, allerdings mit schlechteren Chancen.

Ruhig und gelassen warten die beiden Appenzeller Damen auf ihren Auftritt am Start.

Abwechslungsreiches Training
Um für die Renneinsätze fit zu sein, braucht es auch ein kontinuierliches Sommer- und Wintertraining. Im Sommertraining kommt das Gespann je nach Beschaffenheit und Länge der Strecke trotz einem Zuggewicht von gut 120 kg auf maximal 40 km in der Stunde.
Im Winter auf Schnee entwickeln die Hunde ein Tempo bis 22 km/h. Der Trainingsaufbau ist variabel. Es wird in Intervallen Kraft, Ausdauer und Gewicht trainiert. Jeder Hund im „Appenzeller Gespann“ trägt auf Wanderungen eine sogenannte „Trappentasche“, deren Inhalt ungefähr einem Drittel des Körpergewichtes des Hundes entspricht. Aber es wird nicht nur im Gespann trainiert, sondern auch freilaufend, begleitet mit dem Fahrrad. Vom Frühling bis in den Herbst tummelt sich die Appenzeller Crew auch mehrmals täglich in der Aare. Aareüberquerungen hin und zurück, schwimmen gegen die Strömung, das alles fördert die Fitness und Ausdauer – und macht erst noch Spass.

Echte Verbundenheit ist die Basis des Vertrauens.


Show für den Fotografen und Ernstfalltraining. "Ulla" darf als "Zugballast" mehrere Kilometer aufsitzen.

Rudelhaltung und Hierarchie
Wenn dann die Schlittenhunde-Rennsaison naht, leben die Appenzeller Flückigers an Rennen nicht etwa in kleinen Boxen, sondern in einem Transporter, wie in einem gemeinsamen, fahrbaren Zwinger. Sogar die Welpen dürfen schon mit, denn auch zu Hause leben sie in Rudelhaltung. Dort sind sie tagsüber im Freigehege, und nachts kommen sie in den Wohnbereich, wo sie einzeln gefüttert werden. Auch die Welpenaufzucht verläuft im Rudel, wo die Elterntiere entscheiden und befehlen (ähnlich wie die Rudelhaltung bei den nordischen Schlittenhunderassen).

Die Appenzeller „Sled Dogs“ sind auch führig und erzogen. Sie kennen Heulen beim Einspannen nicht, es wird höchstens gebellt. Er hat sein Rennteam im Griff und braucht keine Hilfe, weger beim Ein- noch beim Ausspannen, ebenso wenig beim Start. Am Start liegen seine Hunde gespannt in Startposition, auf Kommando geht sie los, die wilde Jagd – ein richtiger Blitzstart.

Thomas Flückiger ist stolz, dass weder im Training noch bei Rennen sich einer seiner Hunde je verletzte. Sein Gespann ist noch in jedem Rennen ohne Disqualifikation ins Ziel gelangt. Noch nie stand er auf dem letzten Platz, meist läuft er im Mittelfeld. „Hunde - wünscht ihm und seinem Exotenteam Befriedigung und Freude am Schlittenhundesport – und „good mushing“!

Das Appenzeller-Gespann in stiebender Fahrt.

Text: WSt.  Fotos: T. Flückiger